Grüninger

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Statistiken sollten Erkenntnisse schaffen, nicht Meinungen bestätigen

Der folgende Artikel erschien als in leicht gekürzter Version als Gastkommentar in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 10. März 2020. Den Original-Artikel gibt es hier zu lesen.

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Just an jenem Tag, an dem das Schweizer Stimmvolk entschieden hatte, Homosexuelle besser vor Diskriminierung zu schützen, wurden mehrere schwule Männer in Zürich von Jugendlichen angepöbelt, tätlich angegriffen und mit Messern verletzt. Ein Einzelfall war das nicht, doch wie häufig solche Übergriffe geschehen und welche Motive und Eigenschaften die Täter haben, dazu fehlt eine verlässliche Datengrundlage.

Das ruft verständlicherweise die Politik auf den Plan. Es wird gefordert, sogenannte «Hassverbrechen» statistisch zu erfassen und in mehreren Kantonen wurden vom Schwulenverband «Pink Cross» jüngst ähnlich lautende Vorstösse eingereicht. Das Anliegen ist legitim: Um entscheiden zu können, ob und wie ein Problem politisch angegangen werden soll, braucht es verlässliche Informationen darüber, wie gravierend das Problem überhaupt ist und welche möglichen Ursachen es hat.

Viele politische Kommentatoren scheinen aber bereits zu wissen, was die geforderten Statistiken zeigen werden. Für die einen sind Hassverbrechen hauptsächlich ein Ausländerproblem, für die anderen zweifellos eine Folge rechter Politik. Wiederum andere geben mangelnder Bildung die Schuld oder sind überzeugt: Gewalt ist ein Männerproblem.

All das mag stimmen – oder auch nicht. Und genau darin besteht das Problem. Wer im Voraus schon zu wissen glaubt, was eine noch gar nicht existierende Statistik aussagen wird, orientiert sich nicht an objektiven Daten, sondern an der subjektiven politischen Gesinnung. Die Forderung, «Fakten zu schaffen», wirkt lediglich vorgeschoben. Das eigentliche Ziel scheint zu sein, sich mehr Munition zu verschaffen für den Kampf um die politische Deutungshoheit. Wer überzeugt ist, dass Ausländer oder Männer das Problem sind, wird hauptsächlich auf die Erfassung der Nationalität oder des Geschlechts pochen und andere Merkmale ignorieren, auch wenn diese wissenschaftlich gesehen einen grösseren Erklärungswert hätten.

Die Politik sollte Ziele definieren, statt Ursachen zu behaupten.

Rein politische Kriterien für die Auswahl (oder Nicht-Auswahl) der zu erhebenden statistischen Merkmale sind deshalb abzulehnen, denn sie legen von Beginn an fest, was als relevant (oder irrelevant) zu gelten hat. Das gilt nicht nur bei der Erfassung von Hassverbrechen, sondern generell bei statistischen Datenerhebungen. Ganz ohne Einfluss der Politik geht es freilich nicht. Solange dem Staat finanzielle und zeitliche Grenzen gesetzt sind, muss die Politik entscheiden, wofür sie die begrenzten Ressourcen einsetzen möchte. Dazu braucht es ein beständiges Abwägen zwischen wissenschaftlicher Relevanz, gesellschaftspolitischer Brisanz und praktischer Machbarkeit.

Bei jedem Hassverbrechen ein psychologisches Täterprofil anzufertigen, wäre wissenschaftlich wohl aufschlussreich, käme die Steuerzahler aber teuer zu stehen. Sich deswegen nur auf jene Merkmale zu konzentrieren, die sich ohne Zusatzaufwand erfassen lassen, ist aber auch keine zielführende Option, weil der Erkenntnisgewinn in dem meisten Fällen zu gering ausfallen würde.

Genauso wenig sollten Politiker von bloss vermuteten Ursachen ausgehen, um die zu erhebenden Eigenschaften zu bestimmen. Stattdessen gilt es, das zu lösende Problem in den Vordergrund rücken. Bei der Diskussion um die Erhebung von Hassverbrechen scheinen einige politische Akteure mehr daran interessiert zu sein, sich über die vermeintlichen Ursachen zu streiten, als daran, sich über den erwünschten Erkenntnisgewinn zu verständigen. Geht es nur darum, die Häufigkeit solcher Verbrechen zu erfahren? Dann müssen neben der Tat selbst keine zusätzlichen Merkmale wie Geschlecht oder Nationalität erfasst werden. Oder steht die Beleuchtung möglicher Ursachen im Vordergrund? Dann wird die blosse Erhebung von Geschlecht und Nationalität wohl nicht ausreichen oder sogar in die Irre führen.

Die Politik sollte deshalb nur die konkreten Probleme vorgeben, die es mit einer statistischen Erhebung zu verstehen gilt. Die weiteren Massnahmen – und dazu gehört auch die Entscheidung, welche Merkmale überhaupt statistisch zu erfassen sind und welche nicht – sollte sie denjenigen überlassen, welche die fachliche Expertise dafür aufweisen.

Relevante Interessenverbindungen

Ich arbeite in der Gruppe für Angewandte Statistik an der Universität Zürich. Siehe hier für eine vollständige Liste aller Interessenverbindungen.